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Eine Nacht zwischen Leben und Tod   Download als PDF-Datei
Entspannt saß ich im Sattel meines Pferdes, das von dem andauernden Galopp noch sehr angestrengt war und schwer atmete, ebenso wie ich. Es gab allen Grund erleichtert zu sein, hatte ich doch mit viel Glück die Grenze der daikinischen Republik hinter mir gelassen und soeben die kargen Hügel von Lish erreicht. Einige Schritte ließ ich Kaldarahg, meinen treuen Hengst, auslaufen, bis ich schließlich an den Zügeln zog und wendete. Zufrieden mit der Ausdauer tätschelte ich seinen Hals und versprach ihm frisches Heu, sobald wir das nächste Wirtshaus erreichen würden.
Als ich zurückblickte entdeckte ich die drei Gesetzeshüter, die mir tagelang gefolgt waren. Verärgert in den Steigbügeln stehend, hatten sie die Pferde vor dem breiten Wildbach angehalten, der die Grenze zu Daikin markierte. Ihre Autorität endete hier. Sie hatten nicht das Recht mir weiter zu folgen; nicht bei meinen eher geringen Vergehen. Hätten sie jedoch von den Leichen gewußt, die meine beschrittenen Pfade säumten, sie hätten nicht einen Augenblick gezögert und die Hetzjagd fortgesetzt. Der linke der drei Männer, ein untersetzter Mensch, lupfte seinen Revolver aus dem Halfter und zielte in meine Richtung, während der Mittlere mir einen Fluch entgegen warf, den ich nicht verstand, blies doch der starke Wind kräftig in meinen Rücken und trug seine Worte von mir fort. Ein Schuß löste sich aus dem Revolver des Gesetzeshüters und Kaldarahg wurde unruhig. Erneut tätschelte ich das seidige schwarze Fell des Vollblüters und beugte mich zu seinem Ohr. „Ganz ruhig,“ flüsterte ich, als könne das Tier die Bedeutung meiner Worte verstehen. Im Gegensatz zu ihm wußte ich, dass kein Revolver auf diese Entfernung treffen konnte, ganz gleich wie genau der Schütze zu zielen vermochte.
Ich warf einen Blick über meine Schulter zum Horizont im Westen, wo die Sonne allmählich hinabstieg und ein leuchtendes Abendrot am Himmel zurückließ. Die Nacht würde schnell hereinbrechen. Vor mir lag ein langer, staubiger Ritt bis zum nächsten Saloon.
Die Gesetzeshüter und ich starrten uns ungeduldig an. Aber während sich die Wut in ihren Hälsen aufstaute, genoß ich die Situation zunehmend, bis einer der Verfolger sein Gewehr aus der Halterung am Sattel fischte und auf mich anlegte.
Nicht umsonst nannte man mich den „Flinken Dhorm“. Schneller als ein Gedanke hatte ich meine eigene Haubitze im Anschlag, ein langläufiges Gewehr mit überragender Reichweite und verheerender Durchschlagskraft, und setzte einen gezielten Schuß zwischen die Beine des Pferdes. Erschrocken bäumte sich das Tier auf und warf den Mann aus dem Sattel, gerade als er zu feuern gedachte. Das Geschoß flog wirkungslos gen Himmel, sein Gewehr segelte durch die Luft und landete abseits im Staub. Der verängstigte Wallach stürmte los, durchquerte den Wildbach und blieb erst einige Schritte später stehen. Kaldarahgs Nervosität unterdrückte ich mit einem kräftigen Druck meiner Schenkel, während ich mein Gewehr mit dem seitlichen Hebel durchlud, bereit zum nächsten Schuß. Noch während sich der menschliche Gesetzeshüter erheben wollte, zielte ich über den Lauf hinweg zwischen seine Augen. Im Staub kniend warf er mir einen grimmigen Blick zu und ein breites Lächeln schlich sich auf mein wettergegerbtes Gesicht, die Hauer in meiner unteren Zahnreihe, mein orkisches Erbe, entblößend. Die beiden anderen Verfolger führten augenscheinlich keine Gewehre und sie wußten genau so gut wie ich, dass ich jedem einzelnen das Leben aushauchen konnte, bevor auch nur einer die Flinte erreichte.
Ein Moskito setzte sich auf meine oliv-braune Hand, stach mich und trank von meinem Lebenssaft; doch ich beachtete den Blutsauger nicht. Meine Hand griff nach den Zügeln und ich wendete Kaldarahg, gab ihm die Sporen, einen hämischen Freudenschrei ausstoßend. Staub wirbelte hinter mir auf, als ich über die Kuppe eines Hügels galoppierte und Daikin, ebenso wie die drei Bastarde, weit hinter mir ließ. Einmal mehr war ich dem Gesetz und einer gerechten Bestrafung entwischt.
Mehr als zwei Stunden ritt ich durch ödes Brachland auf einer staubigen Straße, die Sonne war am Horizont verschwunden und der Halbmond hatte seinen Lauf am Himmel begonnen. Die Nacht war kühl, aber mein grauer Ledermantel wärmte mich mehr als ausreichend. Gerade als ich beschloß, mir abseits der Straße einen Lagerplatz zu suchen, machte ich nicht weit entfernt Lichter aus. Im Dunkeln stach die Silhouette eines Hauses zwischen sanften Hügeln hervor. Erneut trieb ich Kaldarahg an und hielt auf das Gebäude zu.
Das Anwesen war durchaus beeindruckend, nicht zuletzt aufgrund seines guten Zustandes. Ein dreistöckiger, quadratischer Hauptkomplex mit einer Kantenlänge von gut dreißig Schritt bildete den Mittelpunkt. Gen Westen schloß sich ein schmaler, zweistöckiger Flügel an, dessen Fenster im Erdgeschoß vergittert waren, nur in wenigen brannte Licht, das einladende Wärme versprach. Der gegenüberliegende, flache Flügel wurde allem Anschein nach als Stall genutzt. Das Grundstück war umzäunt und kniehohes Steppengras bedeckte einen großen Teil der Fläche. „Belgat’s Saloon“, verkündete ein großes Schild auf dem Dach, die roten Lettern mit magischen Lichtkristallen umrandet.
In leichtem Trab lenkte ich Kaldarahg durch das offene Tor und hielt auf den Stall zu. Ein Blick durch eines der Fenster auf der Vorderseite des Saloons verriet mir, dass Hochbetrieb in dem Schankraum herrschte. Pferde waren vor der Holzveranda angebunden, nur wenige Schritt entfernt tobte eine Schlägerei.
Für einen Augenblick widmete ich den Kämpfenden meine Aufmerksamkeit. Ein hochgewachsener Elf wurde nach allen Regeln der Kunst von zwei Menschen bearbeitet; wobei einer die Arme des “Spitzohrs“ auf den Rücken gedreht festhielt, während der zweite ihm die Fäuste mit viel Sorgfalt in Gesicht und Magen rammte. Der Schläger musterte mich kurz, wandte sich jedoch wieder ab, als ich zum Gruße an meinen Krempenhut tippte und mit der Zunge schnalzte, um Kaldarahg zum Stall zu lenken. Laut klatschte die Faust in das Gesicht des Elfen, worauf dieser stöhnte, doch mich kümmerte das wenig.
Ich hatte nie besonders viel übrig für Elfen oder andere Zweibeiner. Ein heimatloser Einzelgänger war ich, immer auf der Hut, immer bereit für ein schnelles Verbrechen, wenn es sich nur lohnte. Freunde hatte ich keine mehr, seit ich dem Kindesalter entwachsen war. Einmal hatte mich eine Hure nach dem Grund gefragt; Huren waren eines meiner großen Laster. Man kann schwerlich hintergangen werden, wenn man niemandem traut, habe ich geantwortet und ihr dann eine runtergehauen, denn ich mag es nicht, wenn eine Dirne redet, während sie es mir besorgen soll. Nein, dieser langlebige Mistkerl mit den hübschen Gesichtszügen interessierte mich nicht im Geringsten. Sollten die beiden Menschen den Schädel des Spitzohrs ruhig zerschmettern, mich ging das nichts an.
Vor dem Stall stieg ich aus dem Sattel und führte Kaldarahg am Zügel durch das Scheunentor, wo mir der Stallbursche entgegen kam und vergebens versuchte, seine Müdigkeit zu unterdrücken. Seine Hose hatte er in Stiefel mit billigen Verzierungen gestopft, ein Leinenhemd hing lose über dem Gürtel. Der Hut rutschte ständig in das von Sommersprossen übersäte Gesicht. Selbst seine abartig verunstalteten Segelohren vermochten nicht die Kopfbedeckung am rechten Platz zu halten. Ich bezweifelte ernsthaft, dass der Schädel des Burschen einst genug wachsen würde, um den Hut zu halten, der sein ganzer Stolz zu sein schien.
Der Junge nickte mir freundlich zu und nahm die Zügel entgegen. Die Satteltasche schnallte ich los und warf sie über meine breite Schulter, ich nahm das Gewehr und fischte dann eine Münze aus meiner Westentasche.
„Kümmere dich gut um das Pferd, Junge,“ knurrte ich, als ich ihm die Münze zuschnippte, die er geschickt auffing und in seiner Hose verschwinden ließ. „Gib ihm frisches Heu, Wasser, striegle ihn und laß ihn dann in Ruhe! Ich werde nachher überprüfen, ob du meinen Hengst gut versorgt hast. Wenn ich zufrieden bin, dann gibt es einen weiteren Silberling für dich!“
Seine Miene hellte sich etwas auf, obwohl nun eine Menge unerwartete Arbeit zu so später Stunde auf ihn wartete. Um ehrlich zu sein gefiel mir sein Verhalten überhaupt nicht, denn es entsprach weder meinem Ruf, noch meinem Gemüt, andere Leute zu erfreuen. Also schob ich meinen Mantel leicht zurück und stemmte die Fäuste in die Hüfte, wobei wie zufällig meine beiden Waffen, ein Dolch und der blau-schwarze Revolver, die im Gürtel steckten, sichtbar wurden.
„Solltest du mich enttäuschen...“ flüsterte ich mit kalter Stimme. „Mein Pferd bedeutet mir alles!“ Dies war keineswegs gelogen. Wie gesagt: ich hatte keine Freunde, zumindest keine, die auf zwei Beinen wandelten. Den Gedanken, welches Schicksal dem Jungen widerfahren würde, sollte ich verärgert sein, ließ ich unvollendet. Sein Lächeln war noch schneller verschwunden, als es erschienen war. Auf dem Absatz machte ich kehrt und hörte seinem Gestammel, er würde sein Bestes geben, nur mit einem Ohr zu.
Natürlich würde ich dem Jungen keine Gewalt antun, solange er mein Pferd nicht verletzte. Aber einer meiner Grundsätze lautete, den Leuten genug Zeit zu geben, einen falschen Eindruck von mir zu gewinnen, selbst einer so unwichtigen Person, wie diesem Stalljungen. Das erleichterte einem das Leben ungemein. Ich schlenderte die Veranda entlang, die Sporen meiner Stiefel klirrten laut bei jedem Schritt. An der Pferdetränke verweilte ich kurz, um den Elfen, der blutend und besinnungslos im trüben Wasser lag, mit gleichgültiger Miene zu betrachten. Seine Lippen waren aufgeplatzt, seine Nase zertrümmert, das linke Auge war dick angeschwollen und ebenso blutig wie der größte Teil seines Gesichtes.
Als ich den Saloon durch die massive Schwingtür betrat, begrüßte mich eine warme Wolke rauchgeschwängerter Luft. Trotz der späten Stunde herrschte tatsächlich Hochbetrieb in der Taverne. Es wurde gespeist, gespielt, gestritten und zur Musik eines Klavierspielers getanzt. Um mich an den Dunst zu gewöhnen, blieb ich einen Augenblick in der Tür stehen. Mir fiel ein schlanker Ork auf, der rechts neben der Eingangstür auf einem Hocker gegen die Wand gelehnt saß, seine Pfeife in eine Zahnlücke zwischen Backenzahn und Hauer geklemmt. Sein äußeres Erscheinungsbild wirkte recht ordentlich auf mich, und ein Blick zu seiner Brust verriet mir, dass er keinen Stern trug. Unsere Blicke trafen sich, als er genüßlich an der Pfeife sog und bemerkte, dass ich ihn musterte. Schnell deutete ich ein Nicken mit dem Kopf an und verließ dann den Eingangsbereich.
Die Theke befand sich auf der gegenüberliegenden Seite des Saloons, und ich bewegte mich am Rande der Tanzfläche in diese Richtung. Meine Hand lag auf einem Geländer, das auf der rechten Seite des Schankraumes den Speisebereich von Theke, Küche und Tanzfläche trennte. Er war nur spärlich besetzt, im Gegensatz zur Theke, wo ich keinen Platz finden konnte. Dem Wirt, ein fettes grinsendes Monster von einem Menschen, rief ich meine Order aus der zweiten Reihe zu: eine Flasche Branntwein und einen Teller Suppe mit Brot und deutete zu einem der Tische, an denen die Gäste verschiedenen Karten- und Würfelspielen frönten. Eine Kellnerin suchte ihren Weg an mir vorbei, ihr Tablett schwer beladen mit Bierkrügen. Ich beschloss, dass ich die zierliche, menschliche Gestalt etwas von der Last befreien sollte. Geschickt entwendete ich einen Krug, woraufhin sie verärgert stehen blieb. Den Mund zum Protest geöffnet drehte sie sich zu mir um. Sie schien zu wissen, dass sie, gemessen an dem rauhen Land, ein hübsches Ding war und ich warf einen langen, lüsternen Blick auf ihr Gesicht, den ich stetig abwärts wandern ließ. Wie erwartet schien eine Affäre mit einem Ork dem Mädchen nicht zu behagen und sie hielt den Mund, wandte sich von mir ab und setzte ihren Weg eingeschüchtert fort. Schadenfroh grinsend verfolgte ich ihren Rückzug.
An mehreren Tischen schritt ich vorüber, an denen größtenteils Berufsspieler, Banditen und Revolverhelden ihr Glück im Spiel versuchten. Ich gesellte mich zu zwei Menschen und einem Zwerg hohen Alters, die mit großen Einsätzen würfelten. Als ich mich ungefragt setzte und meine Satteltasche über die Lehne des freien Stuhls warf, blickten mich die Drei an, doch keiner hielt mich davon ab, ihnen Gesellschaft zu leisten.
„Wenn Ihr Euch hierher setzen wollt, dann müßt Ihr in das Spiel einsteigen,“ knurrte der Zwerg. Ich wunderte mich über diese Anrede, klang sie doch veraltet und war schon seit Jahrzehnten nicht mehr gebräuchlich, zumindest nicht in diesem Teil der Welt. Doch wer konnte schon wissen, woher dieser Zwerg stammte und vor allem, wie lange er schon lebte. Viel wußte ich nicht über Zwerge, aber ich hatte gehört, dass einige von ihnen ein ebenso sagenhaftes Alter wie Elfen erreichen konnten.
„Muss ich das,“ knurrte ich zurück und spülte den Staub der Öde von Lish mit Bier hinunter. „Nun gut. Wie du wünscht, kleiner Mann.“
Erwähnte ich bereits, dass ich ein lasterhafter Zeitgenosse war und nicht nur den leichten Damen und dem Schnaps, sondern auch dem Glücksspiel viel Zeit meines Lebens widmete? Während ich auf den Beginn einer neuen Runde wartete, stapelte ich einige Silberlinge vor mir, und machte schließlich meinen ersten Einsatz. Jedesmal, wenn ich die Würfel warf, blieb mir das Glück hold. Meine Familie erfreute sich seit Generationen magischer Begabungen und der Tradition folgend waren drei meiner Brüder sogar zu Schamanen auserwählt worden. Zwar war diese Kunst an mir verloren gegangen, doch ein wenig Magie durchströmte auch meinen Körper. Es reichte aus, um den Fall der Würfel zu beeinflussen oder meinen Revolver schneller zu ziehen, als die meisten anderen. Die Magie war es, die mich zum „Flinken Dhorm“ machte.
Wir spielten einige Runden, bis schließlich der Zwerg wütend aufsprang. „Ihr seid ein Betrüger,“ schrie er mich an, griff nach den Würfeln und schleuderte sie mir entgegen. „Die Würfel sind gezinkt!“
Mein Lachen musste ich mit Bier hinunter schlucken. „Kann schon sein. Ich will das nicht ausschließen, Zwerg. Allerdings sind dies nicht meine Würfel, folglich habe nicht ich sie gezinkt. Sie fallen nur zu meinen Gunsten.“ Mein Revolver, vielmehr der eines von mir getöteten Gesetzeshüters, zielte zwischen seine Augen. „Hinsetzen,“ befahl ich ruhig. „Wenn du willst, kannst du weiter spielen und versuchen, dein Geld zurück zu gewinnen. Oder du steigst aus und verläßt den Tisch!“
Ich bemerkte die Unruhe der beiden anderen Spieler. Augenscheinlich hatte ich eine Glückssträhne des Zwerges unterbrochen. Zweifellos schien er mich beißen zu wollen. Durchdringend sah er mich an und mir lief ein kalter Schauer den Rücken hinunter, ein unangenehmes und vor allem neues Gefühl. „Ich werde mein Geld nicht erspielen,“ fauchte der Zwerg, wobei sein Bart zitterte. „Ihr werdet es mir zurückgeben!“
„Aus welchem Jahrhundert stammst du,“ gab ich zurück. „Hör auf mit dem Mist und rede wie ein normaler Mann! Oder willst du etwa sterben? Ich habe keine Skrupel dich auf der Stelle umzulegen.“
Einen Moment sah es so aus, als beabsichtigte er mich anzugreifen und im nächsten Moment sprang er auch schon über den Tisch. Beinahe hätte er mich erreicht, so behende bewegte er sich. Doch nicht schnell genug für den „Flinken Dhorm“. Drei Kugeln durchschlugen seine Brust und die Wucht schmetterte ihn rücklings auf den Tisch, wo sich eine Blutlache bildete.
Augenblicklich herrschte Stille im Schankraum und alle Augen waren auf mich gerichtet. Langsam stand ich auf und sprach mit lauter Stimme. „Ich will keinen Ärger machen. Das hier geht euch nichts an. Der tote Zwerg allein trägt die Schuld. Ich nehme mein Geld, bezahle meine Schuld und werde einfach durch die Tür hinausspazieren. Falls jemand ein Freund dieses Narren war, sollte er im Stillen um ihn trauern und nicht versuchen, ihn zu rächen. Er würde es bereuen.“
Langsam schaute ich in die Runde, doch die meisten Gäste wichen meinen forschenden Augen aus und widmeten sich eilends ihren Getränken oder Glücksspielen. Erneut ertönte das Klavier. Vermutlich war dies nicht die erste Schießerei in diesem Schankraum. Nur der Wirt stellte sich mir in den Weg, als ich den Tisch verließ. Ich drückte den Lauf meines Revolvers in seinen dicken Bauch. „Was gibt’s?“ Beschwichtigend hob er die fleischigen Hände. „Ich wollte Sie nur darum bitten, den Leichnam mitzunehmen. Sie könnten die Leiche freundlicherweise selbst entsorgen und irgendwo in der Prärie verrotten lassen.“
„Oh ja,“ hörte ich mich sagen. „Wie konnte ich nur? Natürlich werde ich ihn mitnehmen.“
Ich packte den Zwerg am Bart und schleifte ihn aus dem Saloon in den Stall. Der Stallbursche wurde blaß, als ich die blutüberströmte Leiche über den Rücken Kaldarahgs warf und aus dem Stall ritt. Eine Stunde trabten wir im Schein des Mondes durch die Prärie, bevor ich den Leichnam von meinem Hengst stieß. Einen Augenblick überlegte ich, dann stieg ich aus dem Sattel, in der Absicht, die Leiche zu filzen. Ich durchwühlte seine Taschen, fand eine Uhr, drei Zigarren, einige Münzen und dann hielt ich erschrocken inne. Hatte sich nicht die Hand des Zwerges bewegt? Ich hätte es schwören können. Verwirrt in das blasse Gesicht starrend wollte ich mich schon schelten, als er die Augen aufschlug.
„Aber...“ begann ich, doch er unterbrach mich mit einem kräftigen Hieb gegen mein Kinn. Ich landete hart auf dem Rücken im Staub, so dass mir die Luft wegblieb. Mir wurde schwarz vor Augen. Der Schmerz pochte in meinem Kiefer. Ich hörte, wie der Zwerg aufstand und rollte mich über die Schulter ab. Als ich in die Hocke kam hatte ich meinen Revolver bereits gezogen. Der Zwerg kam mir entgegen. Wahnsinn glühte in seinen Augen, er fletschte seine spitzen Zähne. Ich schoss ihm ins Herz, erneut riss ihn die Wucht der Kugel nieder. Hart landete er im Staub. Langsam erhob ich mich und rieb mir das Kinn. Ein weiteres Mal schoss ich, als der Zwerg sich aufsetzte. Ich traf ihn im Bauch und er verharrte in der Bewegung..
„Verflucht sollst du sein,“ schrie ich, während Panik mich erfasste. „Krepier endlich!“
Plötzlich lachte der Zwerg dämonisch. Wie ein Donner rollte sein Lachen über mich hinweg. Wütend und panisch schoß ich ihm in den Kopf. Er kippte zurück und sein Lachen ebbte ab zu einem Kichern. Noch einmal wollte ich schießen, doch ich hatte nicht nachgeladen. Wie ein Narr muß ich da gestanden haben, während ich erneut den Abzug betätigte, wieder und wieder, ohne daß sich ein Schuß löste. Rasch stand der Zwerg auf, sprang auf mich zu und schlug mich nieder. Ich erinnere mich, den Dolch gezogen zu haben, aber seine Fäuste hämmerten unablässig auf mich ein. Wehrlos blieb ich im Staub liegen. Grinsend beugte er sich über mich, als wolle er mich küssen und entblößte zwei Reißzähne. Schmerzen entbrannten in meinem Hals, als er mich biß; dann senkte sich Dunkelheit über mich.
* * *
Fast vier Jahrhunderte müssen inzwischen vergangen sein, glaube ich. Ich bin nun um ein Zehnfaches älter geworden, als jeder Ork vor mir, doch muß ich mich fragen, ob ich noch ein Ork bin. Das Sonnenlicht schmerzt und ich ernähre mich von Blut. Ich lebe in der Finsternis, abgeschieden und einsam. In der Dunkelheit gehe ich auf die Jagd und erinnere mich an jene Nacht, als der Zwerg mein Schicksal veränderte. Viele Jahre glaubte ich, der Tod wäre mir verweigert und ich müsste auf ewig existieren. Der Fluch, den ich nun mit dem Zwerg teile, hat mir zu großer Macht verholfen, doch ich bin müde geworden. Ich habe die Zeit an mir vorbeiziehen sehen, habe erlebt wie Städte ins Unermessliche gewachsen sind und die Technologie sich weiterentwickelt hat. Den Bezug zu dieser Welt habe ich verloren. Ich habe erkannt, dass ich damals in der Öde von Lish bereits gestorben bin. Gelehrte bezeichnen meinen Zustand als „untot“. Dieses Wort verstehe ich nicht, obwohl ich jede Nacht dessen Bedeutung spüre... Oh, wie müde ich bin. Müde und schwach.
Seit drei Tagen gehe ich nicht mehr auf die Jagd und es hat mich meine ganze Kraft gekostet, auf das Dach dieses Hochhauses zu klettern. Es gibt nur eines, was ich noch zu tun gedenke, während ich auf die Morgendämmerung warte und dem lärmenden Verkehr in den Straßen der Großstadt tief unter mir lausche: Meine Existenzen Revue passieren lassen... und mein Leben nicht bereuen.
* * *
Raskard
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Herold - Die Verschwörung der Verfemten
Alkorrh, der Herold der Einen Schwarzen, hat seine Armee der Verfemten in Marsch gesetzt. Die kriegerische Auseinandersetzung mit dem Königreich Daikin hat begonnen. Der Herold gewinnt mächtige Verbündete, wodurch sich die bestehenden Machtverhältnisse auf dem Kontinent Fendalon verschieben.